Braucht man Grammatik, um eine Sprache zu lernen?

Braucht man Grammatik um eine Sprache zu lernen

03.05.2017 von Birgit Kasimirski Lerntipps & Lerntricks

Braucht man Grammatik, um eine Sprache zu lernen? Diese Frage wird sehr kontrovers diskutiert.

Es gibt Sprachmethoden, die auf Grammatik verzichten, direkte Methoden genannt, daneben Mischformen und die eher konservative Methode, die auf die Grammatik baut. Ich finde diese Ansätze sehr sinnvoll. - Ich glaube nicht, dass es ganz ohne Grammatik geht.
In der modernen Sprachendidaktik heißt es: „Der Mensch braucht nicht viel Grammatik.“ Ich möchte antworten: „Ein gewisses Maß an Grammatik braucht der Mensch.“

Wie viel Grammatik darf es sein?

Sprachpraxis ist zweifelsohne der allerbeste Weg eine Sprache zu lernen. Anwenden ist der wichtigste Aspekt, um Fortschritte zu erzielen, im Idealfall im Austausch mit Native Speakern. Deshalb ist ein Aufenthalt im Zielland das optimale Mittel, um schnell besser zu werden. Wer nicht die Möglichkeit hat eine Zeitlang am Stück im Zielland zu verbringen, muss versuchen, die Sprache in seinen Alltag zu integrieren: durch Sprachkurse, das Hören und Sehen der Sprache (Filme, Musik), Lesen oder Ähnliches. Meistens schrumpft die Zeit, die wir am Ende einer Woche tatsächlich mit dem aktiven Anwenden verbracht haben, auf ein sehr kleines Maß zusammen.

Sollen wir dann noch Grammatikregeln büffeln, winken wir dankend ab und haben schon überhaupt keine Lust mehr anzufangen.

Schauen wir einmal die direkte Methode an und dort ein Beispiel aus dem Business-Umfeld. Beispielsweise gibt Ihnen (nehmen wir an Sie sind in einem international tätigen Unternehmen tätig und müssen zunehmend mit Engländern und Amerikanern kommunizieren. Ihre Englischkenntnisse sind solide, aber Sie haben nicht viel Spracherfahrung und sind sich fast immer unsicher, wie sie etwas ausdrücken) ein Trainer einen englischen Satz an die Hand für eine bestimmte Situation: „Wir hätten das alles schon erledigen können, wenn die Rechtsabteilung rechtzeitig die Unterlagen bereitgestellt hätte.“ “We could have done all that, if the legal service department had provided the files in time.”

Lassen wir die Vokabeln außen vor, denen oft der erste Gedanke gilt - diese Satzkonstruktion ist für die meisten Ungeübten eine Herausforderung. Hier gibt Ihnen der Trainer für diese Aussage eine Lösung, aber können Sie danach ähnliche Aussagen im gleichen Muster bilden? Würden Sie nur dazu tendieren die beiden Satzteile umzustellen, ich bin mir sicher, Sie würden Fehler machen: „When the legal service department would have delivered the files in time, we could have done all that.”

Sie werden verstanden, keine Frage, aber was ist ihr Anspruch?
Mein Impuls hat mir stets gesagt: Gib den Schüler*innen die grammatikalische Struktur an die Hand, auf verständliche und einfache Weise, etwa so:

Für Sätze, die etwas ausdrücken, das hypothetisch in der Vergangenheit
hätte passieren können, also Wenn A gewesen wären, dann hätte B gewesen sein können, GILT:

ein Satzteil anderer Satzteil
IF + had + 3. Form would + have + 3. Form
= IF + (Past Perfekt) would + (Present Perfekt)

ACHTUNG: Die Sätze sind austauschbar,
welcher Satzteil vorne steht ist egal, wichtig ist:
Im Satzteil mit IF, steht NIEMALS would

Ich bin mir sicher, dass man die Phrasen und Situationen durch Imitieren und das Reagieren auf Aussagen für bestimmte Situationen lernen kann, dennoch: Jeder Mensch drückt sich auf seine ganz eigene Art aus. Daher erscheint es mir schier unmöglich, jedem Schüler eine Struktur vorzugeben, er wäre daran „gebunden“. Für mich bedeutet Sprachkompetenz aber eben gerade, seine Gedanken frei wiedergeben zu können. Müssen wir uns dafür nicht zwangsläufig mit den grundlegenden grammatikalischen Strukturen einer Sprache auseinandersetzen?

Unangenehmes Üben

Vielleicht müssen wir akzeptieren, dass alles neu zu Lernende mit Üben einhergeht – nicht nur von angenehmen Dingen, sondern leider auch von lästigen. Nur derjenige wird perfekt in der Musik, der täglich übt. Nur derjenige wird bei Nachwuchsmannschaften aufgenommen, der bereit ist täglich zu trainieren. Jeder der in einer Sportmannschaft auf bestimmten Niveau die Disziplin für die täglichen Trainingsstunden und Vorgaben nicht einhält, fliegt. Schauspieler die ihren Text nicht lernen, finden keine Anstellung. Es ist abgedroschen, aber es stimmt: Ohne Fleiß – kein Preis.

Der Clou liegt für mich darin, es den Schüler*innen so einfach wie möglich zu machen. Den Weg durch den Grammatik-Dschungel frei zu schlagen, nur die wichtigen Aspekte hervorzuheben, weniger wichtige Zeiten (erst mal) liegen zu lasen. Es den Schüler*innen so angenehm wie möglich zu machen.
Das Beispiel oben (die oben blau gekennzeichneten acht Zeilen) liefern den Schüler*innen alles, was sie wissen müssen, um diese Art von Sätzen korrekt zu bilden. Wie sie das am Ende tun, entscheiden sie – je nach Ausdrucksweise und Vokabelkenntnissen. Mit diesem Wissen können sie aber ihre Gedanken korrekt aufbauen und sortieren. Meinem Verständnis nach eröffnet das Wissen über die richtige Grammatik – als ein Bestandteil der Sprache – den Schüler*innen also viel Freiheit.

Angenehme Grammatik-Häppchen

Grammatik, das ist für die meisten ein Riesenkonstrukt, ein schier unüberwindbarer Berg, ein weites Feld. Für mich lässt sich dieses weite Feld schön in viele kleine Hügel aufteilen, die jeder für sich in Häppchen bzw. Stück für Stück locker genommen werden können. Heute die drei Zeiten für Gegenwart, nächste Woche die drei Zeiten für Vergangenheit etc. Jeder Hügel Stück für Stück verdaut bringt den Schüler*innen ein enormes Stück Sprachkompetenz, denn sie können sicher sein: Sie formulieren korrekte Sätze. Und: das Ziel ist absehbar, denn nach dem letzten Hügel geht es nur noch darum zu wiederholen oder das Vokabular aufzubauen. Wobei das Vokabular auch auf dem Weg gefordert ist, denn auch bei mir wird von Anfang an Englisch gesprochen!

Je nachdem wie viele Vorkenntnisse der Schüler mitbringt, kann hier und da ein Hügel ausgelassen werden: Will-Future und das Passiv sind bekannt? Wunderbar! Was nicht beherrscht wird – sehr gerne Present Perfect oder Present Continuous als Future Form – dort wird angehalten und hingeschaut. Meine Aufgabe ist es, die Schüler*innen zu führen – und erst mal weniger prominente Themen hintenanzustellen.

Fortschritt durch Reflektion

Auch die der Grammatik kritisch gegenüberstehenden Ansätze kommen zur Erkenntnis: Fortschritt beim Lernen ist, wenn das Erlernte reflektiert wird. Es müssen also Verknüpfungen in irgendeiner Form hergestellt werden. Sind grammatikalische Verknüpfungen nicht auch eine logische, und vielleicht sogar die simplere Art zu lernen? Weil sie zuverlässig sind.
Vielleicht macht es einfach auch einen Unterschied, in welchem Stadium des Sprachenlernens ich mich befinde: Stehe ich ganz am Anfang, dann hilft es mir sicher, wenn mir ganze Sätze und Aussagen vorgegeben werden. Ich kann erstmal ein gewisses Grundwissen an Konversation lernen, und mich danach mit der Grammatik beschäftigen.

Habe ich bereits Vorkenntnisse – und hier spreche ich einen großen Teil der Bevölkerung in Deutschland an – habe ich die Grammatik (meist in der Schule) schon einmal beigebracht bekommen. Was mir fehlt sind Sprachpraxis, Vokabular und Ausdrucksformen und eben auch eine klare Vorstellung davon, wie ich Sätze aufbaue.

The Mixture makes the Difference

Meinem Verständnis nach ist die Grammatik das Sprach-Gerüst, der sichere Boden. In der Literatur habe ich den Begriff Bauplan für das Haus Sprache gefunden. Wie immer Sie es benennen, für mich gehört der Teil untrennbar zur Sprache dazu.
Wie ich es drehe und wende: bei der direkten Methode stoße ich irgendwann an eine Grenze. Sie eignet sich begrenzt, nicht für alle und nicht immer, weil sie nicht alle Fragen beantwortet, die im Zusammenhang mit dem Bilden von richtigen Sätzen in einer Sprache auftauchen. Und glauben Sie mir, sie tauchen auf! Selbst wenn Sie nur durch Imitieren lernen, beispielsweise im Land selber, irgendwann werden Sie über Sätze stolpern, die vermeintlich anders sind als der Rest – eine natürliche Reaktion darauf wäre zu fragen: Warum?

Spätestens dann kommen die Regeln, Ausnahmen, Besonderheiten der Grammatik ins Spiel.

Fazit
Aber wie immer im Leben: Es ist die richtige Mischung, die es macht.
Vielleicht ist populärer und ansprechender eine Sprache zu lernen durch Hören, Sprechen, Imitieren. Die Hürde ist niedriger, die Motivation größer. Grammatik ist nicht sexy. Egal. Hören, Sprechen, Lesen, Schreiben und Grammatik – in welchem Maße wieviel wann wovon? Jeder muss es für sich entscheiden.


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Über die Autorin
Seit 2005 bin ich als freiberufliche Englisch-Trainerin, Dozentin, Übersetzerin, Journalistin tätig. Insgesamt fast sechs Jahre habe ich im Ausland gelebt und gearbeitet, davon gut drei Jahre in Österreich (Wien), ein halbes Jahr in Ungarn (Budapest) und fast zwei Jahre in England (Leeds, Malvern, London). Vor meiner freiberuflichen Arbeit war ich tätig als Projektleiterin (Dow Jones Newswires, Unicepta), Personal Assistent (McKinsey Company), Journalistin im Pressebüro Fromme Köln (Financial Times Deutschland, Ärzte Zeitung (deutsch), Lloyd`s List (englisch)) und Bankkauffrau (Deutsche Bank AG). Meine Ausbildung: Studium der Anglistik, Amerikanistik, Politikwissenschaften zum B.A. an der Ruhr-Universität Bochum 1996-1999; Ausbildung zur Bankkauffrau bei der Deutschen Bank AG Düsseldorf 1987-1990.

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